| Veranstaltung: | 1. Kreismitgliederversammlung 2026 der GJ Köln |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 3. Anträge |
| Antragsteller*in: | Alexander Preißler |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 15.03.2026, 20:41 |
A3: Behinderungsforschung nicht hindern: Wiederaufnahme der Disability Studies an der Universität zu Köln
Antragstext
Am 03.12.2025 hat die Humanwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln
bekanntgegeben, dass die “internationale Forschungsstelle Disability Studies”
(iDiS) und die “Professur für Soziologie und Politik der Rehabilitation,
Disability Studies” im Zuge weitreichender Streichungen aufgelöst werden sollen.
Um die Schließung zu verstehen ist wichtig: Bildung ist grundsätzlich
Ländersache. Dabei besteht etwa 80% der Finanzierung von Hochschulen aus der
Grundfinanzierung des jeweiligen Bundeslandes. Damit verwalten sich die
Universitäten größtenteils selbst. Sie kümmern sich um die Berufung und
Bezahlung von Professor*innen, den Gehältern des Personals und die Infrastruktur
für Forschung und Lehre.
Die Landesregierung NRW plant Kürzungen von 158 Millionen Euro pro Jahr im
Hochschulbereich: Bei der jährlichen Grundfinanzierung, die den Hochschulen für
die Bezahlung des Personals und die Infrastruktur zustehen, sollen 120 Millionen
Euro wegfallen. Dazu kommt eine einmalige Abgabe von 240 Millionen Euro aus den
Rücklagen der Hochschulen. Fixkosten, wie Miete und Energie, kann schwer gekürzt
werden. Deshalb wird bei Personal und Lehrangebot gespart und 7-8% der Stellen
gestrichen. Das führt nicht nur zu weniger Vorlesungen, Unterstützungsangeboten
und höheren Studiengebüren, sondern auch zur Streichung von kleineren
Studiengängen. Vielfalt im Studienangebot wird abgebaut.
In Köln sollen 10 Millionen Euro pro Jahr einspart werden. 60 % davon bei
Fakultäten, 40 % bei zentralen Diensten und Verwaltung. Leider wurde damit auch
die Streichung der “iDiS” beschlossen.
Diese Streichung kommt nach Ankündigungen, laut denen das “Zentrum für
Disability Studies und Teilhabeforschung” (ZeDiSPlus) in Hamburg aufgelöst
werden soll. Damit bleibt in Deutschland nur noch die Forschungseinrichtung für
Disability Studies in Bochum bestehen. 2/3-tel der Forschungskapazität fällt
weg!
Was sind Disability Studies?
Disability Studies sind ein transdisziplinäres, international ausgerichtetes und
höchst innovatives Forschungsfeld, das traditionelle Sichtweisen auf Behinderung
hinterfragt und neue Denkweisen anregt: Im Mittelpunkt steht die Analyse von
Behinderung als soziales Phänomen. Ihr Ansatz ist damit gesellschaftskritisch
und grundlagentheoretisch angelegt – Behinderung wird nicht als individuelles
Defizit verstanden, sondern die gesellschaftlichen Barrieren werden ebenso in
den Blick genommen wie die Normierungs- und Normalisierungsprozesse sozialer
Ungleichbehandlung.
Seit den frühen 2000er-Jahren sind die aus den internationalen
Behindertenbewegungen hervorgegangenen Disability Studies auch im
deutschsprachigen Raum an verschiedenen Hochschulen und Universitäten vertreten.
Es gibt Forschungsaktivitäten und Lehrangebote, aber es gibt noch keine
eigenständigen Studiengänge.
Disability Studies verstehen sich als Querschnittsdisziplin; sie entwickeln
neues Wissen, Theorien und Methoden, die weit über den traditionellen
Behinderungsdiskurs hinausgehen und den Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“
praktisch umsetzen. Zentral ist die gleichberechtigte Partizipation von Menschen
mit Behinderungen.
Warum Disability Studies unverzichtbar sind.
Dieses Forschungsfeld zu erhalten und auszubauen, muss für uns als GRÜNE JUGEND
Priorität haben. Wir sind als solidarischer und inklusiver Verband darauf
angewiesen, dass Grundlagenforschung zu Inklusion, Partizipation und weiteren
Teilen des Behindertendiskurses stattfindet, damit wir unsere Prozesse, unser
Zusammenleben im Verband und unsere politischen Forderungen verbessern und
schärfen können. Außerdem ist Disability Studies ist einer der wenigen
Forschungsbereiche in Deutschland, in dem behinderte und nichtbehinderte
Menschen zusammen am Abbau von Barrieren und der Verbesserung von Inklusion
forschen und arbeiten.
Wie oben beschrieben, wird Behinderung in den Disability Studies als ein
gesellschaftliches Problem betrachtet; von einer Gesellschaft, die unnötige
Barrieren aufgebaut hat und so bestimmte Menschen in ihrer gesellschaftlichen
Teilhabe einschränkt, anstatt Behinderung ausschließlich zu individualisieren,
wie es sonst oft passiert.
Daraus entwickelt sich für uns als intersektionaler und antikapitalistischer
Verband eine besondere Relevanz des Forschungsfeldes.
Zusätzlich ist Deutschland als Unterzeichner der UN-BRK (UN-
Behindertenrechtskonvention) dazu verpflichtet, die Förderung einer inklusiven,
barrierefreien Gesellschaft voranzutreiben. Der Abbau der Disability Studies
widerspricht diesem Auftrag diametral. Deutschland verliert bei der Umsetzung
der UN-BRK auf mehreren Ebenen den Anschluss an andere Länder. Ob es in der
schulischen Bildung, im öffentlichen Raum oder in der Politik ist. In anderen
Ländern, wie den USA, Großbritannien, den Niederlanden und mehreren
skandinavischen Ländern wird aktiv in den Disability Studies geforscht.
Disability Studies sind essentiell, um das Zusammenleben in Deutschland
solidarischer, fairer und barrierefrei zu gestalten. Deutschland darf nicht den
Anschluss verlieren.
Forderungen
Deshalb stellen sich für die Grüne Jugend Köln folgende Forderungen heraus,
welche sich sowohl an das Rektorat der Universität zu Köln als auch an die
Landesregierung NRWs, respektive das Ministerium für Kultur und Wissenschaft
NRW.
Wir fordern die schnellstmögliche Finanzierung und Wiederaufnahme des
Arbeitsbereichs "Disability Studies", samt Professur für Soziologie und Politik
der Rehabilitation, Disability Studies und der Internationalen Forschungsstelle
Disability Studies (kurz iDiS).
Zur möglichst reibungslosen Fortsetzung der Forschung soll kurzfristig die
Weiterbeschäftigung der Forschenden und Mitarbeitenden angestrebt und außerdem
ein eigener Studiengang als Ziel gesetzt werden.
Deutschland kommt seit Jahren schon so nicht seinen Verpflichtungen der UN-BRK
nach, weshalb wir eine besondere Beachtung seltener Studiengänge und
Forschungsbereiche bei drohenden Kürzungsmaßnahmen fordern, die an strukturellen
und gesellschaftlichen Wegen zu mehr Inklusion und Teilhabe forschen.
Daher sollte die GRÜNE JUGEND Köln verstärkt in den Austausch mit studentischen
Organisationen und Interessenvertretungen von Menschen mit Behinderung treten.
Mit dem Beschluss dieses Antrags spricht sich die GRÜNE JUGEND Köln für die
Petition des “Disability Studies Deutschland e.V.” aus und unterstützt den
offenen Brief des “Netzwerk Disability Studies” mit ihren Forderungen.
Außerdem setzt sich die GRÜNE JUGEND Köln für die Umsetzung der Forderungen
gegenüber der Partei und der GRÜNEN JUGEND NRW ein, dazu gehört auch ein
Einsetzen für allgemein stärkere Anstrengungen in Sachen Inklusion in ganz
Deutschland.
Begründung
Während Deutschland seinen Verpflichtungen nach der UN-Behindertenrechtskonvention seit Jahren nicht nachkommt und Rechte sowie Konservative Hetze und Zweifel gegenüber Inklusion säen, wird nun die Forschung unter den Bus geworfen. Im Zuge der Hochschulkürzungen Ende letzten Jahres wurden mit Hamburg und Köln zwei der drei deutschen Forschungsstandorte in Sachen Disabilty Studies gekürzt.
Wir stellen uns hinter die Forderungen des "Disability Studies e.V." und fordern u.a. die unverzügliche Wiederaufnahme und sichere Finanzierung der Forschungsbereiche an besagten Standorte, sowie eine höhere Anerkennung ihrer Forschung.
